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Was ist Antisemitismus?

Antisemitismus, häufig auch als "Judenfeindschaft" bezeichnet, umfasst wesentlich mehr als "nur" Vorurteile gegen Juden und Jüdinnen. Die antisemitische Ideologie dient als Modell zur Erklärung der Welt, als Erklärung für unverstandene gesellschaftliche Phänomene, Krisen und Umbrüche. Diese werden vor allem durch Verschwörungstheorien und mit Hilfe tradierter Feindbilder gedeutet: Juden und Juden auf der ganzen Welt werden für Entwicklungen verantwortlich gemacht, die als bedrohlich wahrgenommen werden - vom Kapitalismus bis zum Kommunismus, vom Krieg bis zur Globalisierung.

Antijudaismus

Der Antisemitismus hat eine lange Geschichte und viele Gesichter. Bereits seit der Antike gibt es in Europa eine religiös motivierte Judenfeindschaft, die als Antijudaismus bezeichnet wird. Der Antijudaismus richtet sich gegen Jüdinnen und Juden als AnhängerInnen einer anderen Religion und soll eine Überlegenheit des Christentums gegenüber dem Judentum sichern helfen.


Schrift von Martin Luther (1543)

Moderner Antisemitismus

Vor dem Hintergrund der großen gesellschaftlichen Veränderungen, die die Moderne mit sich brachte, entwickelte sich aus dem Antijudaismus der moderne Antisemitismus. Dieser Begriff wurde Ende des 19. Jahrhunderts von einem der Vordenker der antisemitischen Bewegung geprägt, die sich gegen die Gleichstellung der Juden in Europa und gegen alles wandte, was als "jüdisch" angesehen wurde. Als ein Produkt der bürgerlichen Industriegesellschaft sowie des Nationalismus ist der Antisemitismus politisch, wirtschaftlich und rassistisch motiviert. "Die Juden" werden als einheitliche Gruppe mit bestimmten (negativen) Merkmalen und Verhaltensweisen, als "die Anderen" konstruiert, die im absoluten Gegensatz zur eigenen "Wir-Gruppe" stehen und deren Existenz bedrohen. Während des Nationalsozialismus führte dieses Denken dazu, dass von Deutschland ausgehend in Europa sechs Millionen Menschen jüdischer Herkunft ermordet wurden.


Fotografie aus Behringersdorf
(Bayern) von 1933

Antisemitismus nach 1945

Doch auch nach der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus war der Antisemitismus nicht verschwunden. In beiden deutschen Staaten galten zwar offen antisemitische Äußerungen als unerwünscht; im privaten Raum und in latenter Form konnte der Antisemitismus jedoch weiter existieren. Und gleichzeitig entstanden neue Erscheinungsformen. In Deutschland gehört dazu vor allem ein "sekundärer Antisemitismus", mit dem die Erinnerung an den Holocaust abgewehrt werden soll und der oft aggressiv gegen Jüdinnen und Juden gewendet wird. In den letzten Jahren wurde eine feindliche Einstellung gegenüber jüdischen Menschen zunehmend auch auf den Staat Israel übertragen: Antisemitisches Denken wird in eine vermeintlich sachliche Kritik an Israel bzw. der Politik des israelischen Staates gegenüber den Palästinenserinnen und Palästinensern verpackt. Bereits in der DDR, die über Jahrzehnte eine israelfeindliche Politik betrieb, gipfelte die einseitige Parteinahme im Nahostkonflikt nicht selten in antisemitische Hetze.


Schändung des KZ-Friedhofs
in Vaihingen (Ba-Wü)

Aktueller Antisemitismus

Der Antisemitismus ist tief in der politischen Kultur Europas verwurzelt und verbreitete sich dort aus auch in andere Teile der Welt. Er durchzieht alle gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen und alle politischen Systeme und Fraktionen. Es gibt ihn auch in Gegenden, wo keine oder nur wenige jüdische Menschen leben; er existiert unabhängig von ihrem tatsächlichen Verhalten.

In Deutschland verschafften verschiedene politisch-gesellschaftliche Diskurse der letzten Jahre dem Antisemitismus wieder eine gesellschaftliche Öffentlichkeit -- von der Forderung des Schriftstellers Martin Walser nach einem Schluss-Strich unter die Aufarbeitung der deutschen Geschichte über die "Möllemann-Affäre", als erstmals in einem Bundestagswahlkampf Antisemitismus als Mittel zum Stimmenfang genutzt wurde, bis hin zu den antisemitischen Ausfällen des CDU-Politikers Martin Hohmann, der mit neu-rechter Rhetorik die Juden zum "Tätervolk" machen wollte. Zunehmend ins Blickfeld gerät auch ein islamistisch geprägter Antisemitismus aus migrantischen Communities.

Wie äußert sich Antisemitismus heute?

Antisemitismus ist z.B., wenn

  • mehr als die Hälfte der Deutschen in Umfragen meinen, Juden würden die Erinnerung an den Holocaust für ihren eigenen Vorteil ausnutzen;
  • ein Drittel der Brandenburger Jugendlichen sich einer Studie zufolge nicht vorstellen kann, mit Juden befreundet zu sein;
  • regelmäßig jüdische Friedhöfe und Mahnmale geschändet oder Synagogen das Ziel von Angriffen werden;
  • jüdische Deutsche gefragt werden, wann sie denn wieder in ihre Heimat Israel zurückkehren würden;
  • der Besitzer eines koscheren Ladens in Berlin schließen muss, weil er durch wiederholte Bedrohungen und Angriffe seine Kundschaft verliert, ohne dass jemand aus seinem Umfeld sich dem entgegen stellt;
  • das Vorgehen der israelischen Regierung bzw. des israelischen Militärs im Gaza-Streifen oder im Westjordanland mit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gegenüber den Juden gleichgesetzt wird;
  • Juden/Jüdinnen, die sich als solche zu erkennen geben, Ziel tätlicher Übergriffe werden;
  • behauptet wird, dass der israelische Geheimdienst hinter den Anschlägen vom 11. September 2001 oder dem Irakkrieg steckt;
  • sich auf Schulhöfen und in Jugendclubs "du Jude" als Schimpfwort etabliert.

Handlungsbedarf?

Ja! Und zwar nicht nur auf politischer, sondern auch auf pädagogischer Ebene!

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