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Interview: Antisemitismus als Thema der außerschulischen Bildungsarbeit?!



Kirsten Döhring und Tanja Kinzel erarbeiten im Rahmen des Projekts »BildungsBausteine gegen Antisemitismus« vom Bildungsteam Berlin-Brandenburg e.V. in Kooperation mit Tacheles Reden! e.V. Methoden und Konzepte für die Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Bildungsarbeit. Barbara Schäuble hat mit dem DGB-Bildungswerk Thüringen e.V. für die Neuauflage des »Bausteins zur nicht-rassistischen Bildungsarbeit« u. a. einen Schwerpunktteil zu Antisemitismus erarbeitet. Im Interview mit Susanna Harms und Heike Radvan berichten sie von ihren Erfahrungen.


Bulletin: Wie ist die politische Bildung bisher mit dem Problem Antisemitismus umgegangen?

Barbara Schäuble: Eigentlich gar nicht. Nachdem wir endlich selbst den dringenden Handlungsbedarf für die Bildungsarbeit erkannt hatten, haben wir uns umgesehen und mussten feststellen, dass es in Deutschland keine Konzepte zum Umgang mit Antisemitismus gibt. Die Konzepte der historisch-politischen Bildungsarbeit zum Nationalsozialismus beschäftigen sich nur wenig mit Antisemitismus, vor allem aber klammern sie aktuelle Formen von Antisemitismus aus. Im Antirassismus-Bereich gibt es im Vergleich dazu ein ziemlich großes Wissen über Rassismus und viele Methoden für eine antirassistische Bildungsarbeit. Bei Antisemitismus sieht das ganz anders aus. Das ist in einem Land mit einer so mörderischen antisemitischen Geschichte schon erstaunlich, andererseits aber auch nicht allzu verwunderlich. Insgesamt kann man sagen, man hat es bei Antisemitismus also nicht nur mit einem eklatanten Mangel an Konzepten zu tun, sondern auch damit, dass es in Bezug auf Antisemitismus eine viel größere Schulddynamik und größere politische Probleme gibt, seine Existenz einzuräumen. Die unterschiedlichen Motivlagen für antisemitische Äußerungen sind viel schwerer einschätzbar.

Kirsten Döhring: Die meisten PädagogInnen sind mit dieser Problematik völlig überfordert. Dann wissen sie natürlich erst recht nicht, wie sie auf antisemitische Äußerungen von muslimischen Jugendlichen reagieren sollen. Das Fehlen von Konzepten zum pädagogischen Umgang mit Antisemitismus hat aber auch damit zu tun, dass die Pädagogik den Antisemitismus lange Zeit als Unterthema von Rassismus abgetan hat, als »zu spezielles« Thema. Das erleben wir zum Beispiel auch heute noch bei der Akquise von Seminaren.

Barbara Schäuble: Auch wir haben uns ja früher nie gefragt, worin denn der Unterschied zwischen Antisemitismus und Rassismus bestehen könnte. Wie man an der Erstauflage unseres »Bausteins zur nicht-rassistischen Bildungsarbeit« sehen kann, war Antisemitismus noch vor wenigen Jahren für uns nur eine von vielen Formen der herrschaftsförmigen Abwertung. Die Unterschiede in der Form, Geschichte und Aktualität von Antisemitismus zeigen, wie falsch diese Perspektive ist. Es ist höchste Zeit, eine eigenständige pädagogische Herangehensweise für den Umgang mit den gegenwärtigen Erscheinungsformen und Ursachen für Antisemitismus zu entwickeln.

Tanja Kinzel: Wichtig ist außerdem, dass Antisemitismus gerade in Deutschland nicht nur als eigenständiges, sondern auch als zentrales Thema behandelt werden sollte - aufgrund der deutschen Geschichte, aber mehr noch wegen seiner Aktualität, und weil es so ein umfassendes Welterklärungsmodell ist.

Bulletin: Welchen Ansatz haben Sie in Ihren Projekten gewählt, um dieses Thema anzugehen?

Kirsten Döhring: In unserem Projekt liegt der Schwerpunkt auf der - mehr oder weniger direkten - Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus, und zwar mit seinen Mechanismen und Ursachen sowie der Funktion, die er in unserer Gesellschaft hat. Unser Ziel ist es, die Teilnehmenden sensibel zu machen gegenüber antisemitischen Äußerungen in ihren verschiedenen Erscheinungsformen und ihr Verantwortungsgefühl im Hinblick auf dieses Problem zu stärken. Ein wichtiger Aspekt ist auch die Beschäftigung mit der eigenen Rolle und der eigenen Verstrickung in die Gesellschaft. Wir versuchen deshalb in unseren Seminaren, die jeweiligen familiären, kulturellen und sozialen Prägungen der Teilnehmenden zu berücksichtigen. So ist es z. B. im Hinblick auf migrantische Jugendliche wichtig, ihre eigenen Ausgrenzungserfahrungen mit zu bedenken. Es soll also sowohl die individuelle als auch die gesellschaftliche Ebene berücksichtigt werden. Gesellschaftliche Diskurse wie die oben angesprochene Schlussstrichdebatte oder die Diskussion um den Nahostkonflikt greifen wir auf.

Barbara Schäuble: Unser Ansatz ist ein anderer. Wir glauben nicht, dass es viele Menschen gibt, die sich für ein Seminar mit einem Titel wie »Antisemitismus heute « anmelden würden. Es gibt sozusagen kein Interesse der Zielgruppe. Weil wir glauben, dass Menschen nur lernen, wenn sie selbst ein Interesse daran haben, haben wir einen anderen Zugang gewählt: Wir nehmen die Seminare zum Ausgangspunkt, die wir im Rahmen unserer Bildungsarbeit zu anderen politischen Themen anbieten. Von dort aus versuchen wir gegen Antisemitismus zu sensibilisieren. In Diskussionen wie »Krieg und Frieden«, »Globalisierung« und »Verschwörungstheorien« sehen wir eine Menge Ansatzpunkte, um Antisemitismus zum Thema zu machen. Und in der Art und Weise, wie sie gegenwärtig thematisiert werden, gibt es viele Anschlussflächen für antisemitische Interpretationen. Man kann sagen, dass Antisemitismus eine Form ist, keine Fragen mehr stellen zu müssen, für alles Schuldige zu haben und nur noch Begründungen für die eigenen Ressentiments gegen Juden zu suchen. Man kann aber auch sagen, Antisemitismus ist eine Form, sich die Welt und den eigenen Platz darin zu erklären. Dann müssen gegen Antisemitismus gerichtete Konzepte auch genau daran ansetzen, natürlich nicht ohne das Problem beim Namen zu nennen. Vermutlich stimmt beides, deshalb arbeiten wir an Feindbildern, und wir forschen in unseren Seminaren über Antisemitismus. Gleichzeitig arbeiten wir an alternativen Analysen, um sich die Welt anders als antisemitisch zu erklären. Dabei nehmen wir auch unsere eigenen Seminare in den Blick und fragen, wo sie selbst anschlussfähig für antisemitische Denkweisen sind. Vor allem aber wollen wir, dass Antisemitismus in der Seminarplanung berücksichtigt wird. Wir warten also mit der Thematisierung von Antisemitismus nicht, bis im Seminar antisemitische Äußerungen fallen, sondern überlegen im Voraus, an welcher Stelle wir Antisemitismus zum Thema machen können.

Tanja Kinzel: Wir finden es eine wichtige Voraussetzung, dass die Seminar- oder Workshop-Teilnehmenden offen und interessiert an das Thema herangehen, auch wenn das sicherlich nicht bei allen denkbaren Zielgruppen der Fall ist. Bei den meisten Jugendlichen ist heute nur noch wenig Verantwortungsbewusstsein für die Geschichte vorhanden, und uns ist auch klar, dass die Bereitschaft, sich mit Antisemitismus zu beschäftigen, nicht besonders groß ist. Das macht es natürlich schwierig, Ansatzpunkte für eine Auseinandersetzung mit Antisemitismus zu finden. Oft ist der Antisemitismus auch so fest verankert, dass es nur bedingt Sinn macht, gegen antisemitische Denkstrukturen zu argumentieren. Und schließlich stehen bei diesem Thema selbst bei interessierten Menschen viele Problematiken im Raum, beispielsweise die eigene Familiengeschichte und damit eine mögliche Verstrickung in die nationalsozialistische Vernichtungspolitik. Deshalb ist für die Bearbeitung des Antisemitismus ein sehr umfassender Ansatz nötig, für den Bedingung ist, dass die Teilnehmenden Interesse an einer Auseinandersetzung und auch an einer Selbstreflexion haben. Genau diese interessierten Leute wollen wir erreichen und sie dabei unterstützen, Antisemitismus bei sich selbst und anderen zu erkennen, Antisemitismus im Alltag entgegenzutreten oder mit anderen Menschen an diesem Thema zu arbeiten.

Bulletin: Frau Schäuble, sind Sie der Meinung, dass der Ansatz Ihrer Kolleginnen, Seminare direkt zum Thema anzubieten, zum Scheitern verurteilt ist?

Barbara Schäuble: Nein, so würde ich das auf keinen Fall sagen. Selbst wenn auf verschiedensten Ebenen ein Problembewusstsein für Antisemitismus mangelt, gibt es natürlich Leute, die sich von sich aus mit dem Thema auseinander setzen wollen, und die brauchen ein Angebot. Ich denke, mit diesem Ansatz kann eine bestimmte Zielgruppe erreicht werden, und wir erreichen mit unserem Zugang wahrscheinlich eine andere. Wichtig ist uns allerdings, Antisemitismus auch als soziales und gesellschaftliches und keineswegs nur individualpsychologisches Phänomen zu verstehen, für das die Ursachen und Veränderungsansätze allein bei der oder dem Einzelnen gesucht werden können.

Bulletin: Könnten Sie Ihren Ansatz an einem thematischen Beispiel verdeutlichen?

Barbara Schäuble: Wir fragen z. B. nicht nur nach Feindbildern, sondern nach ihrer gesellschaftlichen Geschichte und ihrem sozialen Nutzen. Oder aber wir analysieren Verschwörungstheorien. Verschwörungstheorien interessierten uns nicht erst dann, wenn sie offen antisemitisch sind. Wir sehen sie im Zusammenhang mit einer allgemeinen Zunahme autoritärer Denkweisen. Verschwörungstheorien nehmen zu, weil sich die meisten Menschen der Welt ausgeliefert sehen. Es ist viel einfacher, andere zu kritisieren, als festzustellen, dass man an dem, was einen stört, selbst mitwirkt. Wenn man den Egoismus in der Welt beklagt, kann man prima ausblenden, dass man sich auch selbst egoistisch verhält. Wir sagen: Egoismus ist keine Unternehmereigenschaft. Wir sind in die Dinge verwickelt, die wir kritisieren. Dabei fragen wir, warum wir uns eigentlich den Dingen so ausgeliefert fühlen. Wer bestimmt eigentlich über was, wo bestimmen wir mit, wo können wir mehr mitbestimmen €“ wie funktioniert die Welt? Und über die Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien schauen wir uns an, warum sich die Leute die Welt so einfach erklären, warum sie sich die Welt über Feindbilder erklären, und warum wir selbst das machen. Das ist für uns wohl die interessanteste Frage - wo sind wir selbst offen für autoritäre Perspektiven?

Bulletin: Welche Rolle spielt in Ihren Konzepten die Beschäftigung mit jüdischem Leben?


Kirsten Döhring: Ein zentraler Punkt bei uns ist es, eigene Berührungspunkte mit dem Judentum sowie mit Jüdinnen und Juden zu thematisieren und durch die Beschäftigung mit jüdischer Geschichte, mit den Lebensbedingungen von jüdischen Leuten und ihrer Kultur jüdisches Leben in Deutschland sichtbar zu machen. Antisemitismus hat zwar mit Jüdinnen und Juden insofern nichts zu tun, als dass er auch ohne ihre Anwesenheit funktioniert - er trifft sie aber in erster Linie. Außerdem haben wir diesen Ansatzpunkt gewählt, weil unseren Erfahrungen nach diejenigen, die Interesse am Thema Antisemitismus haben, in der Regel auch ein Interesse am Judentum haben und darüber etwas erfahren wollen.

Bulletin: Finden im Rahmen Ihrer Seminare auch Begegnungen mit jüdischen Menschen statt?


Kirsten Döhring: Nein, bisher haben wir uns gegen diese Methode entschieden, weil wir es schwierig finden, Jüdinnen und Juden sozusagen als Anschauungsobjekte zu präsentieren. Wir machen mit den Teilnehmenden Exkursionen, beispielsweise zum Jüdischen Museum in Berlin.

Bulletin: Und in den Seminaren des DGB-Bildungswerks, befassen Sie sich dort auch mit dem Judentum und seiner Geschichte?

Barbara Schäuble: Die Frage, ob und wie wir jüdisches Leben, jüdische Kultur und Religion in die Seminare einbringen, war im Rahmen unseres Arbeitsprozesses ein wichtiges Thema. Bei unserem Mainstreaming-Ansatz, also dem Anspruch, Antisemitismus ausgehend von möglichst vielen anderen Themen zu behandeln, haben wir aber selten die Chance, dieses Thema in ein Seminar zu tragen. Wenn wir zum Beispiel ein Wochenseminar zu Globalisierung machen, dann können wir nicht in der Mitte der Woche sagen, wir wollen uns jetzt mal mit jüdischer Kultur Anfang des 20. Jahrhunderts auseinander setzen. Was wir jedoch tun - und das ist in der Tat unerlässlich - ist, uns mit jüdischen Perspektiven auseinander zu setzen. Nicht nur im Hinblick auf Antisemitismus, sondern auch auf andere Fragen. Wir haben also weniger einen kulturorientierten Zugang, sondern einen Zugang, der sagt, die Welt wäre nicht vollständig ohne die vielfältigen Perspektiven von Jüdinnen und Juden. Das ist uns sehr wichtig.

Bulletin: Wie verliefen denn Seminare, bei denen auch jüdische TeilnehmerInnen zur Gruppe gehörten?

Tanja Kinzel: Da wir ja noch mitten in der Erprobungsphase stecken, hatten wir diese Situation bisher erst in zwei Seminaren, in denen jeweils ein Jude bzw. eine Jüdin Teil der Gruppe waren. In beiden Fällen war bei der nichtjüdischen Mehrheit eine deutliche Anspannung zu spüren. Die Frage nach dem Verhalten gegenüber Leuten mit jüdischem Hintergrund löst ja bei nichtjüdischen Deutschen schon dann viele Unsicherheiten aus, wenn keine Jüdinnen oder Juden anwesend sind. In unseren beiden Seminaren sind die nichtjüdischen Teilnehmenden mit dieser Unsicherheit so umgegangen, dass sie den jüdischen TeilnehmerInnen besondere Aufmerksamkeit entgegenbrachten. Diese wurden häufig als ExpertInnen für Antisemitismus angesprochen, was wir als sehr problematisch empfunden haben.

Bulletin: Warum?

Tanja Kinzel: Einerseits sind jüdische Leute natürlich in besonderer Form von diesem Thema betroffen und haben darauf auch einen speziellen Blick und spezielle Erfahrungen, aber andererseits geht es ja auf Seiten der nichtjüdischen Teilnehmenden um eine Auseinandersetzung mit den eigenen Denkstrukturen und Mechanismen - und Antisemitismus hat, wie schon gesagt, nichts mit realen Juden und Jüdinnen zu tun. Obwohl die beiden jüdischen TeilnehmerInnen in den Seminaren sehr selbstbewusst und manchmal auch humorvoll mit der Rolle umgegangen sind, die ihnen zugeschoben wurde, löste das die starke Unsicherheit der nichtjüdischen TeilnehmerInnen nicht auf. Teils äußerte sich dies in Irritationen darüber, was überhaupt jüdisch ist, was Jüdischsein bedeutet, teils in dem Versuch, eine beschützende oder gar paternalistische Rolle einzunehmen. Unserem Eindruck diente dieses Verhalten jedoch eher als Vorwand, um sich nicht mit den eigenen Blockaden auseinander setzen zu müssen.

Barbara Schäuble: Wir können anhand unserer eigenen Seminarerfahrungen bisher fast nichts zu dieser Frage sagen. Unsere Annahme ist aber, dass es in einem Seminar mit überwiegend nichtjüdischen TeilnehmerInnen - und das wird die Regel sein - erst einmal zu einer Explosion antisemitischer Frechheiten kommt, wenn das Thema Antisemitismus angesprochen wird. Im Umgang damit kann man es sich im pädagogischen Kontext nicht so einfach machen und z. B. sagen, die jüdischen TeilnehmerInnen wären das doch sowieso aus ihrem Alltag in einem nichtjüdischen Umfeld gewöhnt. Wir haben hierfür bisher noch keine wirkliche Antwort gefunden.

Bulletin: Wie wird in der antirassistischen Bildungsarbeit mit Seminargruppen umgegangen, in denen TeilnehmerInnen mit Migrationshintergrund vertreten sind?

Kirsten Döhring: Leider ist es auch in antirassistischen Seminaren oft so, dass diese Problematik von den TeamerInnen nicht beachtet wird, oder die migrantischen TeilnehmerInnen werden besonders herausgehoben. Aber zumindest bei einigen MultiplikatorInnen ist eine Sensibilität vorhanden.

Bulletin: Menschen, die einen Migrationshintergrund haben, sieht man ihre Herkunft ja nicht unbedingt an. Jüdischen Menschen jedoch überhaupt nicht.

Barbara Schäuble: Jüdische TeilnehmerInnen stehen bei Seminaren der politischen Bildung in der Regel generell vor dem Problem, dass sie mit einer nichtjüdischen TrainerInnengruppe konfrontiert sind. Im Zweifelsfalle denken die TeamerInnen bei der Seminarplanung nicht einmal daran, dass Juden und Jüdinnen unter den TeilnehmerInnen sein könnten. Insbesondere, wenn im Seminar Antisemitismus thematisiert wird, stehen die jüdischen TeilnehmerInnen dann gegebenenfalls vor der Entscheidung, ob sie sich »outen« bzw. sie müssen überlegen, wie sie genau das vermeiden können. Und spätestens dann, wenn eigene Erfahrungen thematisiert werden sollen, kommen sie wahrscheinlich um ein Outing nicht herum. Und manchmal kann es genauso schlimm sein, sich nicht zu outen, auch das ist zu bedenken. Doch wenn sich jüdische TeilnehmerInnen als Jude oder Jüdin zu erkennen geben, müssen sie befürchten, zu RichterInnen über Antisemitismus gemacht zu werden. Es kann passieren, dass man sie auffordert, für »die Juden« zu sprechen, oder ihnen wird vorgeworfen, dass sie übersensibel seien. Auf den ersten Blick spricht das dafür, stark biographisch orientierte Methoden auszublenden. Andererseits gehören Konfrontationen mit sich selbst, die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und dem eigenen sozialen Nahraum, aber auch die Möglichkeit, Fehler zu machen, zu den Lernvoraussetzungen für nichtjüdische TeilnehmerInnen. Selbst wenn es da oft Blockaden gibt, weil es plötzlich sehr persönlich wird. Wir arbeiten selbst wenig biographisch und versuchen, die Brücken zum Eigenen eher ausgehend von einem gemeinsamen Forschungsprozess über Antisemitismus zu schlagen.

Bulletin: Arbeiten Sie auch direkt mit antisemitischen Stereotypen?

Kirsten Döhring: Eine schwierige Frage, die wir immer wieder diskutieren. Gerade weil antijüdische Stereotype im aktuellen Antisemitismus oft nur in Andeutungen auftauchen, besteht immer das Problem, beim expliziten Aufrufen dieser Stereotype Feindbilder zu vermitteln, die den Teilnehmenden bisher noch gar nicht bekannt waren. Wir experimentieren noch mit verschiedenen Methoden, versuchen aber eher, indirekt mit diesen Stereotypen zu arbeiten. Zum Beispiel über die Beschäftigung mit Selbst- und Fremdbildern und ihren Wechselwirkungen - also damit, wie sich jüdische Menschen selbst sehen und wie sie von anderen gesehen werden, aber auch mit der Frage, wie sich die nichtjüdischen TeilnehmerInnen sehen und welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es gibt. Den Einstieg liefert die Arbeit mit den Biografien. Wir sind uns bei dieser Problematik selbst noch unsicher über den besten Weg, halten es aber in jedem Fall für dringend notwendig, dass eine Auseinandersetzung mit antisemitischen Stereotypen in ein umfassendes Seminarkonzept eingebettet sein muss. Wenn im Rahmen eines Seminars Stereotype aufgerufen werden, dürfen sie nicht im Raum stehen bleiben. Man muss mit ihnen arbeiten, ihre Entstehungsgeschichte und Funktion sowie die dahinterstehenden Mechanismen verdeutlichen.

Barbara Schäuble: Wir machen in unseren Seminaren keine Sammlung antijüdischer Feindbilder, wie man das als klassische Methode aus der Anti-Vorurteilspädagogik kennt. Und zwar aus genau diesem Grund - das würde uns in die Verlegenheit bringen, sehr viel in den Seminarraum zu holen, ohne dass wir das alles bearbeiten könnten. Wenn sich ein Anknüpfungspunkt dafür bietet, bearbeiten wir stattdessen lieber mit Hilfe von Arbeitspapieren wenige Feindbilder eingehender: Im Baustein gibt es Arbeitspapiere über das Bild der »Judensau« und das Bild des »jüdischen Wucherers«. Außerdem haben wir eine Checkliste dafür erarbeitet, wie man antisemitische Feindbilder in Bildern und Texten erkennen kann. Wie ich schon angedeutet habe, beschäftigen wir uns dabei im ersten Schritt nicht mit antisemitischen Feindbildern, sondern mit der Funktion und Struktur dieser Bilder. Diese erarbeiten wir uns zunächst anhand anderer Feindbilder, zum Beispiel anhand rassistischer Bilder. Erst auf dieser Grundlage wenden wir uns im zweiten Schritt den antisemitischen Bildern zu.

Bulletin: Welche Anforderungen stellen die von Ihnen geschilderten Problematiken an PädagogInnen, die sich des Themas Antisemitismus annehmen möchten?

Tanja Kinzel: Sowohl unsere eigenen Erfahrungen als auch die unserer KooperationspartnerInnen zeigen, dass es für Bildungsarbeiter und -arbeiterinnen nicht leicht ist, zu diesem Thema zu arbeiten. Es ist unbedingt notwendig, dass bei den PädagogInnen eine große Sensibilität und gleichzeitig ein großes Wissen über den Antisemitismus, über seine Erscheinungsformen und Mechanismen vorhanden sind. Das ist eine grundlegende Voraussetzung, um mit der Psychodynamik und den Blockaden, die eine Beschäftigung mit diesem Thema auslösen, umgehen zu können.

Barbara Schäuble: Auch vieles aus unserer Materialien-Sammlung kann man nicht einfach nehmen und damit gleich loslegen. Wenn MultiplikatorInnen zu diesem Thema etwas machen wollen, setzt das eine intensive und auch eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema voraus. Auch TeamerInnen müssen sich mit ihrer eigenen Biografie auseinander setzen, nicht nur der ihrer Familie, und damit auch mit ihren eigenen, möglicherweise antisemitischen Strukturen. Lernen heißt immer auch etwas zu verlernen, und das ist schmerzlich. Kein Wunder, dass die Abwehrdynamik, die die KollegInnen vom Bildungsteam bei den TeilnehmerInnen beschreiben, auch bei den TeamerInnen zu beobachten ist. So ein Lernprozess ist eine Wildwasserfahrt, die BildungsarbeiterInnen zu begleiten wissen müssen. Dazu gehört, anzuerkennen, dass die Einzelnen in diesem Lernprozess immer an anderen Punkten stehen und sich mit anderen Fragen auseinander setzen. Das heißt, es kommt im pädagogischen Prozess darauf an, zu vermeiden, was angesichts von Antisemitismus so nahe liegt: Andere von oben herab über Dinge moralisch belehren zu wollen, die man eben erst selbst begriffen hat. Wichtiger ist es, die Dynamiken von Umdenk- und Aufklärungsprozessen zu kennen und zu fördern.

Bulletin: Was kann die außerschulische Bildungsarbeit zum Thema Antisemitismus leisten, und wo liegen Ihre Grenzen?

Kirsten Döhring: Bildungsarbeit gegen Antisemitismus kann Wissen vermitteln und aufklären, sie kann die Teilnehmenden sensibilisieren und so eine allgemeine Auseinandersetzung mit Antisemitismus, aber auch mit eigenen Denkmustern anregen. Es geht darum, die Analysefähigkeit der Teilnehmenden im Hinblick auf die verschiedenen Erscheinungsformen von Antisemitismus zu stärken. Auch die Förderung von Empathie gegenüber jüdischen Leuten ist ein wichtiger Aspekt. Das alles sind Bildungsziele, die eine Veränderung von Einstellungen und Verhaltensweisen möglich machen - zumindest ansatzweise. Was die außerschulische Bildungsarbeit jedoch nicht leisten kann, das ist eine Aufhebung gesellschaftlicher Missstände. Politische Bildungsarbeit allein wird den Antisemitismus, der ein gesellschaftliches und kein individuelles Problem ist, nicht abschaffen können.

Barbara Schäuble: Auch wir glauben, dass Bildungsarbeit die Welt nicht ändern kann. Sie kann nur die Interpretationen ändern, die Menschen von der Welt haben, und damit auch die Sichtweise darauf, was zu verändern ist. Neben der Bildungsarbeit gibt es noch viele andere Handlungsfelder, in denen etwas geändert werden muss, um ein Phänomen wie Antisemitismus zu bekämpfen. Im Rahmen der Bildungsarbeit können nur Handlungsmöglichkeiten dafür entwickelt werden, wie sich Menschen in Veränderungsprozesse einbringen können, und ein Prozess der Selbstreflexion kann eingeleitet werden.


Die ungekürzte Fassung des Interviews ist erschienen im Bulletin 5/2004 "Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher. Antisemitismus und Antiamerikanismus in Deutschland", hrsg. vom Zentrum Demokratische Kultur in Kooperation mit der Amadeu Antonio Stiftung, Ernst Klett Verlag, Leipzig 2004.

Das Bulletin kann auf den Internetseiten der Stiftung heruntergeladen werden:

» Download des Bulletins (PDF; 1,26 MB)

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