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Podiumsdiskussion: "Antisemitismus unter Jugendlichen - spielt die Herkunft eine Rolle?"
Bevor Moderator Nancy Wagenknecht (BildungsBausteine gegen Antisemitismus) sich mit Fragen zu Positionen, Ansätzen und Erfahrungen an die vier ReferentInnen wandte, formulierte er zu Beginn zwei Leitfragen an die Diskussion: Unterscheidet sich beispielsweise der Antisemitismus unter 'herkunftsdeutschen' und 'migrantischen' Jugendlichen oder der unter jungen Menschen aus Ost- und Westdeutschland? Und welche Konsequenzen folgern daraus möglicherweise für die schulische und außerschulische Bildungs- und Projektarbeit?
Anetta Kahane, Vorstandsvorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, konstatierte im Hinblick auf Ostdeutschland, dass die DDR-Vergangenheit u.a. über die Familie nach wie vor Einfluss auf die heutige Jugend hat. So wirke sich der Umstand, dass Juden in der DDR weitgehend unsichtbar gemacht und aus der Erinnerungskultur ausgeblendet wurden, auf das Wissen (oder eher Nicht-Wissen) von Jugendlichen über die NS-Geschichte und das zerstörte jüdische Leben aus. Statt dessen prägten Antizionismus und Palästina-Solidarität das politische Klima in der DDR und, so Anetta Kahanes These, auch heute noch die Einstellung ostdeutscher Jugendlicher zu Israel. Auch die von der Staatsführung der DDR propagierte Dimitroffsche Faschismus-Definition, nach der das deutsche Volk von einigen wenigen kapitalistisch-imperialistischen Herrschern verführt wurde und deshalb keine Verantwortung für den Holocaust trage, sei bis heute unter Jugendlichen verbreitet. Die Amadeu Antonio Stiftung, die schwerpunktmäßig in den ostdeutschen Ländern gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus aktiv ist, versucht solchen Tendenzen u.a. mit einem überregionalen Ausstellungsprojekt mit Jugendlichen zum Antisemitismus in der DDR entgegen zu treten und unterstützt Stolperstein-Verlegungen in ostdeutschen Städten.
Eberhard Seidel, Geschäftsführer von Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage, bezog sich auf die Studien des Bielefelder Konfliktforschers Wilhelm Heitmeyer zum Syndrom der "Gruppenbezogenen Menscheinfeindlichkeit", nach der Antisemitismus in der Regel mit anderen Einstellungen wie Fremdenfeindlichkeit und der Diskriminierung von Behinderten, Schwulen oder Obdachlosen einhergeht. Er verwies auf ein ebenso zu beobachtendes Stadt-Land-Gefälle und leitete daraus die These ab, dass Urbanität einen positiven Einfluss auf das Vorhandensein von Toleranz habe. In aktuellen Debatten über Antisemitismus und die Frage der Herkunft aber gehe es heutzutage, so Seidel, letztendlich immer um einen Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen SOR - SMC arbeite jedoch mit ganzen Klassen unabhängig von der Herkunft der einzelnen Schülerinnen und Schüler. Wichtig sei es dabei für die mehrheitlich "alldeutschen" PädagogInnen, offen zu sein für andere biografische Erfahrungen, beispielsweise auch von palästinensischen Jugendlichen, und für Diskussionen mit den Jugendlichen. Ebenso sollten in der Debatte soziale Probleme nicht allein unter religiösen Aspekten zu betrachtet werden.
Nuran Yigit vom Antidiskriminierungsnetzwerk des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg warnte vor der Gefahr, durch eine Fokussierung auf Antisemitismus unter MigrantInnen die deutsche Mehrheitsgesellschaft vom Problem des Antisemitismus zu entlasten. Sie betonte daher die Notwendigkeit, die Gesamtproblematik differenziert zu betrachten und dabei auch eine zunehmende Islamophobie nicht aus den Augen zu verlieren. In der täglichen Arbeit mit migrantischen Jugendlichen verfolge das ADNB einen Empowerment-Ansatz, der auf eine Stärkung der Jugendlichen in Anbetracht ihrer eigenen Diskriminierungserfahrungen zielt. In diesem Rahmen werde auch Antisemitismus thematisiert, allerdings erst zu einem späteren Zeitpunkt, nachdem Vertrauen zu den Jugendlichen aufgebaut wurde.
Auch Koray Yilmaz-Günay von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin betonte wie seine VorrednerInnen, wie wichtig eine differenzierte Betrachtung des Problemfelds sei und genauso ein differenzierter Blick auf MigrantInnen, die keine einheitliche Gruppe darstellten und denen daher auf keinen Fall pauschal Antisemitismus unterstellt werden dürfe. Vielmehr gelte es, problematische Äußerungen aus ihrem jeweiligen situativen Kontext heraus genau zu analysieren und ggf. adäquate Handlungsstrategien zu entwickeln, statt vorschnell zu kategorisieren und zu urteilen. Um ein solche Herangehensweise an die Problematik zu fördern, begleitete die MBR bezirksbezogene Maßnahmen mit dem Ziel, langfristige und nachhaltige Prozesse zu initiieren. Die Arbeit der MBR gegen Antisemitismus in Friedrichshain-Kreuzberg richte sich in erster Linie an MultiplikatorInnen aus Schule, Jugendarbeit und Verwaltung, aber auch an VertreterInnen von migrantischen Organisationen. So würden Foren zum Austausch und zur gemeinsamen Weiterbildung geschaffen, z.B. zwischen MitarbeiterInnen aus Jugendeinrichtungen, Netzwerke aufgebaut. Ein Ziel sei es dabei auch, die Solidarität unter verschiedenen Akteuren im Bezirk zu wecken, so dass sich z.B. migrantische Organisationen bei antisemitischen Vorfällen mit den Angegriffenen solidarisieren und (wie es die jüdische Gemeinde immer wieder tue) umgekehrt.
Pädagogik zwischen Antisemitismus und Rassismus
Die anschließende Diskussion innerhalb des Podiums sowie des Publikums spitzte sich schnell auf die Frage zu, in welchem Verhältnis Antisemitismus und Rassismus (bzw. Islamphobie) im Alltag zueinander stehen und wie sich die pädagogische Praxis zwischen diesen beiden Phänomenen zu positionieren habe. Dahinter verschwanden andere Faktoren wie z.B. Bildungsbiografien und -hintergründe. Wenngleich die Forderung nach Differenzierung im Prinzip von allen DiskutantInnen vorgebracht wurde, wurde in einigen Wortbeiträgen die Befürchtung geäußert, dass ein immer weiteres Differenzieren letztendlich zur Folge haben könne, dass dahinter der Antisemitismus verschwinde. Nicht zu unterschätzen sei demgegenüber die Bedeutung einer gesellschaftlichen Ächtung von Antisemitismus sowie der Bearbeitung mit Anerkennungsdefiziten. Pauschale Verdächtigungen einzelner (migrantischer) Gruppen führten jedoch nicht weiter, sondern dienten allenfalls zur Entlastung der Mehrheitsgesellschaft. Verwiesen wurde jedoch von mehreren ExpertInnen darauf, dass die Arbeit gegen Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft noch am Anfang steht und sich dabei auf so gut wie keine relevanten wissenschaftlichen Grundlagen stützen kann. Wichtig ist es jedoch, in die zu führenden Diskussionen und in die Entwicklung pädagogischer Konzepte möglichst viele gesellschaftliche Gruppen einzubeziehen, darunter selbstverständlich auch Migranten-Organisationen, um so komplexe Problemlösungsstrategien für ein komplexes Problem zu entwickeln und umzusetzen.
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