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Fishbowl: Unterschiedliche Zugänge zusammenbringen

Zu Beginn des Fishbowls wandte sich die Moderatorin, Angela Kalis vom Bildungsteam Berlin-Brandenburg e.V., zunächst mit einigen Fragen an die eingeladenen ExpertInnen, die ausgehend von ihren spezifischen Arbeitskontexten ihre Erfahrungen vorstellten. Im Zentrum stand dabei die Frage, was unterschiedliche pädagogische Herangehensweisen zur Bekämpfung des Antisemitismus beitragen können.
Differenzieren statt Pauschalisieren
Günther Jikeli von der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, die vor allem in Jugendeinrichtungen und Schulen aktiv ist, begegnen in Kreuzberg die unterschiedlichsten Formen des Antisemitismus. Sie reichen von der offenen Judenfeindschaft bis hin zur Israelfeindlichkeit. Insbesondere die Feindschaft gegenüber Israel findet sich dort nicht nur in diversen Graffiti, sondern u.a. auch bei LehrerInnen und anderen bezirklichen AkteurInnen. Der erste Schritt der Arbeit der KIgA ist es daher, Antisemitismus überhaupt erst einmal zu problematisieren sowie Jugendliche und Erwachsene für seine Erscheinungsformen zu sensibilisieren. Bei der Bearbeitung des Antisemitismus in ihren Workshops versuchen die Initiativen-MitarbeiterInnen, in Diskussionen mit den Jugendlichen Gedankenstrukturen zu hinterfragen, Gegenfragen zu stellen, neue Fragen aufzuwerfen. Dazu gehört auch, offensiv das Thema Israel mit allen erforderlichen Differenzierungen zu forcieren. Immer wieder stellt sich in ihrer Arbeit die Frage nach den Grenzen des Tolerierbaren -- bei welchen "Witzen" muss z.B. interveniert werden? Intervention kann dabei auch bedeuten, einzelne SeminarteilnehmerInnen auszugrenzen -- da es jedoch nicht um das Brandmarken Einzelner gehen kann, darf dies jedoch keine pädagogische Strategie darstellen.
Gefragt nach den Unterschieden in der Arbeit mit einerseits herkunftsdeutschen und andererseits migrantischen KreuzbergerInnen hielt Günther Jikeli fest, dass es natürlich zunächst einmal einen Unterschied im Kontext, in der Ausgangssituation gibt -- MigrantInnen sind eine gesellschaftliche Minderheit, die unter Diskriminierung von Seiten der Mehrheit zu leiden hat. Im Hinblick auf Antisemitismus spielen vor diesem Hintergrund auch unterschiedliche Identitätsfragen eine Rolle: Herkunftsdeutsche haben oft ein Problem mit ihrer Identität als Deutsche und versuchen mit Hilfe des sekundären Antisemitismus, sich von der NS-Geschichte zu entlasten. Manche migrantischen Jugendlichen religiös-kulturell dagegen identifizieren sich mit dem Islam, den sie als ?Opfer des Westens? ansehen. Insofern funktionieren auch nicht alle pädagogischen Methoden mit allen Jugendlichen gleichermaßen. Die verschiedenen Gruppen treffen sich jedoch wiederum an anderen Punkten, z.B. bei der Israelfeindlichkeit oder der Propagierung von Verschwörungstheorien. Wichtig ist jedoch vor allem zu beachten, dass sich antisemitische Einstellungen bei allen Menschen -- egal ob Deutsche oder MigrantInnen -- stets aus unterschiedlichen Bestandteilen zusammensetzen und somit stets eine genaue Differenzierung notwendig ist. Und es gilt sich damit auseinander zu setzen, dass der Antisemitismus den Leuten etwas gibt -- es stellt sich also auch die Frage nach den Alternativen, die PädagogInnen anzubieten haben. Bei muslimischen Jugendlichen kann dazu auch gehören, das traditionelle Selbstverständnis der Eltern zu hinterfragen -- die Herauslösung aus traditionellen Strukturen kann durchaus als Befreiung erlebt werden.
Judentum und deutsch-jüdische Geschichte als "positiver Zugang"
Hieran (und auch an die Diskussionen in Workshop 4) konnte Sarah Hiron vom Jüdischen Museum Berlin gut anknüpfen. Speziell für Gruppen mit vielen muslimischen TeilnehmerInnen hat das Museum eine Führung zu den Gemeinsamkeiten von Islam und Judentum konzipiert, da in anderen Führungen die Erfahrung gemacht wurde, dass ein solcher Dialog über die Religionen sehr gut funktioniert. Generell thematisiert das Jüdische Museum in seiner Dauerausstellung Antisemitismus bewusst nicht explizit, wenngleich natürlich an verschiedenen Stellen Zeugnisse antisemitischer Ausgrenzung und Verfolgung zu sehen sind. Aus Angst, gerade Jugendlichen Stereotype erst "beizubringen", wurde bewusst auch keine Führung speziell zu Antisemitismus konzipiert. Der Ansatz des Museums ist es vielmehr, den BesucherInnen einen positiven Zugang zum Judentum und zur deutsch-jüdischen Geschichte zu vermitteln. Diese Geschichte wird als Geschichte nicht nur von Ausgrenzung, sondern auch von Integration erzählt, was schon allein bei manchen BesucherInnen dazu beiträgt, deren Trennung von "deutsch" und "jüdisch" aufzubrechen. Das Jüdische Museum versucht, alte Sichtweisen aufzubrechen und neue Blickwinkel entstehen zu lassen, indem es deutlich macht, dass das Judentum nicht mit dem dem Holocaust gleichgesetzt werden kann, sondern eine heterogene Religion und Kultur ist. So wird beispielsweise auch bei der Behandlung der NS-Zeit ein Perspektivwechsel vollzogen, indem die Reaktionsmöglichkeiten von Jüdinnen und Juden in den Vordergrund gestellt werden.
Nichtsdestotrotz werden die Guides bei ihren Führungen immer wieder mit antisemitischen Kommentaren konfrontiert. Das JMB kann, so Sarah Hiron, durchaus als Seismograph für gesellschaftliche Entwicklungen und Ereignisse gesehen werden: So waren dort beispielsweise im Zuge der Möllemann-Affäre vermehrt antisemitische Äußerungen zu hören. Im Umgang damit stellt sich den ReferentInnen zudem das Problem, dass aufgrund der sehr begrenzten Zeit viel Schlagfertigkeit nötig ist. Da es dem Jüdischen Museum dennoch wichtig ist, dass möglichst allen antisemitischen Aussagen entgegen getreten wird, übten die Guides in Argumentationstrainings der "BildungsBausteine gegen Antisemitismus" gemeinsam Reaktionsmöglichkeiten ein. Dazu gehört beispielsweise, die Gäste nach ihren Wissensquellen zu fragen oder im Dialog mit der Gesamtgruppe die Behauptungen zu widerlegen.
Neues Interesse für die Geschichte (und Gegenwart) des Antisemitismus wecken
Wenngleich, wie Tatjana Glampke erläuterte, in den Seminaren des Projekts "BildungsBausteine gegen Antisemitismus" die Auseinandersetzung mit Antisemitismus im Zentrum der Arbeit steht, ist sich das Projekt der Gefahr, durch die Beschäftigung mit der Geschichte des Antisemitismus eine Geschichte der Verfolgung zu erzählen, durchaus bewusst. Nicht zuletzt deswegen gehört eine Exkursion zum Jüdischen Museum bei den Wochenseminaren mit Jugendlichen zum festen Bestandteil des Programms. Auch der von Sarah Hiron problematisierte Umgang mit antisemitischen Stereotypen wurde im Projekt lange diskutiert. Die MitarbeiterInnen haben sich dafür entschieden, in Jugendgruppen in der Regel nicht mit antisemitischen Bildern zu arbeiten, da viele ältere Stereotype wie das des "reichen Juden" bei Jugendlichen nicht mehr so bekannt sind. Weit verbreitet ist jedoch auch heute noch ein rassistischer Antisemitismus, der mit tief verwurzelten Stereotypen versucht, vermeintliche äußere Merkmale von Juden festzuschreiben. Die antisemitischen Feindbilder, die bei den Teilnehmenden vorhanden sind, werden in den Seminaren bearbeitet und dekonstruiert, indem gemeinsam mit den TeamerInnen die Entstehungsgeschichte der Stereotype erarbeitet und dabei verdeutlicht wird, dass Juden und Jüdinnen schon lange vor 1933 zu Sündenböcken für die unterschiedlichsten gesellschaftliche Probleme gemacht wurden.
Ebenso müssen die ProjektmitarbeiterInnen viel mit einem sekundären Antisemitismus arbeiten, der häufig in ein abwehrendes "Wir können das alles nicht mehr hören, das wissen wir doch schon alles!" gekleidet wird -- und dies, obwohl manchen SchülerInnen z.B. nicht einmal Beginn und Ende des Nationalsozialismus zeitlich einordnen können. Unterschiedliche Methoden, mit denen solche Denkweisen vom Projektteam bearbeitet werden, wurden bereits im Verlauf der Tagung vorgestellt. Das Ziel ihres Einsatzes ist es, bei den TeilnehmerInnen das Interesse am Thema Antisemitismus auch jenseits von reinen Zahlen und Fakten neu zu wecken, indem z.B. politische und geschichtliche Hintergründe zu den verschiedenen Epochen des Antijudaismus und Antisemitismus thematisiert werden. Hilfreich ist es dabei stets, Bezüge zur heutigen Lebenswelt der Jugendlichen zu ziehen, indem beispielsweise danach gefragt wird, wo ihnen heute selbst Ausgrenzung begegnet. Im Hinblick auf den aktuellen Antisemitismus geht es immer auch darum, Empathie mit den (potentiellen) Opfern herzustellen und Handlungsmöglichkeiten gegen Antisemitismus durchzuspielen.
Perspektivwechsel von Opfern zu Tätern: Wer benötigt Antisemitismus?
Matthias Heyl, pädagogischer Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, beobachtet bei Jugendlichen dort häufiger als Antisemitismus eine Abneigung davor, sich überhaupt mit Geschichte auseinander zu setzen. Als größtes Problem erachtet er jedoch die Fokussierung auf Juden als Opfer, als Verfolgte, während die BesucherInnen meist keine Ahnung vom Reichtum jüdischer Kultur hätten. Ebenso hat die brandenburgische Gedenkstätte mit den Nachwirkungen der DDR-Zeit zu kämpfen, in der die jüdischen Opfer vernachlässigt oder gar ausgeblendet wurden. Und nicht zuletzt versuchen viele Deutsche, durch eine Opfer-Identifikation aus der Tätergeschichte, aus ihrem biografischen Hintergrund herauszutreten. Auf der Suche nach einem "koscheren Weg der Erinnerung" so Heyl, verstecken sich nicht wenige PädagogInnen mit (scheinbar) richtigen Worten hinter einer "Betroffenheitspädagogik", die jedoch in Wirklichkeit Unbetroffenheit in sich berge. So werden an vielen Schulen Projekte beispielsweise über im NS verfolgte jüdische SchülerInnen durchgeführt -- nach den ehemaligen SchülerInnen jedoch, die zu TäterInnen geworden sind, wird nicht gefragt. Diesem "sehr effektiven Ausstieg aus der Geschichte", wie es Heyl formulierte, versucht die Mahn- und Gedenkstätte, gerade an einem Täter(innen)ort wie Ravensbrück einen Perspektivwechsel hin zu einer Auseinandersetzung mit den Tätern gegenüber zu stellen, indem z.B. deutlich gemacht wird, dass Juden nicht wegen ihrer ?Rasse? verfolgt wurden, sondern aufgrund des Rassismus ihrer nichtjüdischen Verfolger.
Matthias Heyl betonte gleichzeitig, dass Gedenkstätten kein Ort für Aufklärung, für Prävention gegen Antisemitismus sind -- diese Erwartung scheitert schon allein an der kurzen Zeit, die sich die BesucherInnen normalerweise in der Gedenkstätte aufhalten. Demgegenüber müsse nach wie vor -- im Sinne von Adornos ?Erziehung nach Auschwitz? -- das wichtigste Bildungsziel überall sein, Menschen in die Lage zu versetzen, Antisemitismus nicht (mehr) nötig zu haben.
Diskussion: Was hilft gegen Antisemitismus?
Streicheln oder schütteln?
Unter die Tagungsgäste hatte sich nachmittags auch die Schauspielerin und Sängerin Sharon Brauner gesellt, die gleichzeitig die Regisseurin des am Morgen präsentierten Films "Leben und leben lassen" ist. Angela Kalis nutzte die Gelegenheit, sie in den Fishbowl zu holen und zu fragen, welche Absicht sie mit dem Film verfolgt hat. Dabei stellte sich -- zur Überraschung vieler -- heraus, dass Sharon sich beim Machen des Films von der Idee einer "Positiv-Propaganda" für die BerlinerInnen und deren Toleranz hat leiten lassen. Über die Art und Weise, wie sie bzw. ihre Kamerafrau die Frage nach den Juden gestellt haben (einmal nett, einmal überrumpelnd) und welche Antworten sie darauf erhalten haben (eher positive, eher negative), entbrannte eine Diskussion darüber, welche Herangehensweise vielversprechender sei -- ?streicheln oder schütteln?, vorsichtig-freundliches Annähern oder Konfrontation? Sharon Brauners Überzeugung, Antisemiten seien als Kinder zu wenig gestreichelt worden, stellte Matthias Heyl die Realität in manchen Szenen gegenüber, in denen die sanfte Methode nicht nur nutzlos wäre, sondern schon nettes Fragen lebensgefährlich sein kann.
Begegnung: Abbau oder Bestätigung von Vorurteilen?
Nach der Präsentation der Workshop-Ergebnisse konzentrierte sich die weitere Diskussion vor allem auf eine Frage -- schützt es vor Antisemitismus, Jüdinnen und Juden zu kennen? Der Nutzen von Begegnungen mit (unterschiedlichen) jüdischen Menschen war unter den DiskutantInnen umstritten; einige wussten von positiven Beispielen zu berichten, mehrere andere DiskussionsteilnehmerInnen äußerten sich wiederum skeptisch zu diesem Ansatz: Spätestens dann, wenn bereits Vorurteile oder gar ein gefestigtes antisemitisches Weltbild da sind, änderten reale Kontakte zu einzelnen Juden wenig; vielmehr werde eine Bestätigung der eigenen Überzeugungen gesucht (und in der Regel auch irgendwie gefunden). Während die einen daran festhielten, dass die Begegnung mit Jüdinnen und Juden die Vielfalt jüdischen Lebens sowie die Unterschiedlichkeit jüdischer Menschen erfahrbar und dadurch die Absurdität antisemitischer Vorurteile deutlich machen könne, verwiesen andere darauf, dass Begegnungen für die jüdische Seite auch eine Gefahr darstellen kann: In Kreuzberg gab es sogar schon Fälle, in denen jüdische ZeitzeugInnen in Schulklassen angegriffen wurden -- in mindestens einem Falle auch physisch. Als Fazit der Debatte kann vielleicht der Beitrag gelten, dass Begegnung in manchen Fällen ein Weg zum Abbau von Antisemitismus sein kann, aber sicherlich kein Allheilmittel ist.
Komplexität des Antisemitismus erfordert komplexe Lösungen
Schwierig war es in diesem kurzen Zeitraum und bei diesem komplexen Thema, Perspektiven für die (Bildungs-) Arbeit gegen Antisemitismus zu benennen. Angela Kalis fasste abschließend noch einmal einige Schlussfolgerungen zusammen: Pädagogische Einzelmaßnahmen gegen Antisemitismus sollten in andere pädagogische Kontexte eingebunden sein. So darf beispielsweise die Schule ihre Verantwortung nicht an die Gedenkstätten oder Museen deligieren, sondern muss solche Besuche entsprechend vor- und nachbereiten und in den eigenen Alltag einbetten. Nicht zuletzt ist es daher von Nöten, mit einer Pädagogik gegen Antisemitismus schon bei der Ausbildung der PädagogInnen anzusetzen.
