Breadcrumb - Navigation
Inhalt
Rezension von lernen-aus-der-geschichte.de, 12.12.07
Rezensionen zu praxisrelevanten Neuerscheinungen
Ein Bildungsprogramm - Materialien, Methoden und Konzepte
Bildungsteam Berlin- Brandenburg e.V., Tacheles reden! e.V. (Hrsg.) Woher kommt Judenhass? Was kann man dagegen tun? Ein Bildungsprogramm - Materialien, Methoden und Konzepte mit CD-ROM, (Verlag an der Ruhr ) Mühlheim 2007, 24,50 Euro, ISBN: 978-3-8346-0158-2
Wie das Fortbildungsangebot zum Thema Antisemitismus zeigt, ist das Thema aktuell, immer wieder vor allem um Gedenktage und nach periodischen Berichten der Medien, die Thematik hat Konjunktur. Das schient auch den Verlag bewogen zu haben, in roter Schrift den reißerischen Titel <Woher kommt Judenhass?> zu wählen, der auch missverständlich klingen kann. Experten warnen sicher oft zu recht, dass Antisemitismus und Rassismus im Alltag meist nicht als manifeste stereotype Einstellungen erkannt werden. Andererseits wird auch jede Unsicherheit im Umgang mit Begriffen und Sprechen über Juden, Judentum, Israel, den Holocaust vorschnell unter Antisemitismusverdacht gestellt, statt sie zunächst mangelndem Wissen zuzuschreiben. Insbesondere wird Antisemitismus als ein Problem bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund diskutiert, ohne dass hinterfragt wird, inwieweit der Geschichtsunterricht und die politische Bildung diese Jugendliche in das nationales Geschichtsnarrativ bislang überhaupt einbezogen hat.
Mit dieser Methodensammlung, die, wie es heißt, je nach Anlass und Kenntnisstand von Jugendlichen eingesetzt werden kann, sollen grundsätzliche Fragen geklärt werden: Was ist überhaupt Antisemitismus? Und wie kann man im Alltag hinter abfälligen Bemerkungen versteckte antisemitische Einstellungen erkennen?
Methodisch werden zur Auseinandersetzung mit der Thematik Rollenspiele, Darstellendes Spiel, Assoziationsübungen, Empathieübungen, aber auch traditionelle Methoden wie Diskussion, Perspektivwechsel, Interviews, biografisches Arbeiten sowie Text- und Bild/Filmanalyse vorgeschlagen. Thematisch sollen Jugendliche sich mit dem christlichen Antijudaismus, alten und neuen Verschwörungstheorien und dem Nahostkonflikt befassen und dabei lernen, Vorurteile zu widerlegen, Antworten und Reaktionen auf antisemitische Äußerungen zu entwickeln.
Die Gliederung der Methoden mit Angaben zu Dauer, Zielen, Vorschlägen für die Weiterarbeit, die Planung von Übungen bis zu ganzen Projektwochen verspricht dem Lehrenden schnelle Vorbereitung. Zusätzliche Materialien enthält eine CD. Im Anhang findet sich ein Glossar wichtiger Begriffe, ein Verzeichnis weiterführender Literatur, (nebenbei bemerkt eine wenig überzeugende Auswahl)sowie Links zu Internetportalen und der Nachweis der Methoden und Quellen.
Das optisch übersichtlich und ansprechend gestaltete Buch versteht sich fächerübergreifend als praktische Hilfe für Lehrer der Sekundarstufe I und II sowie für Pädagogen in der außerschulischen politischen Bildung und Jugendarbeit. Es ist das Ergebnis einer vierjährigen Praxisarbeit eines Teams von 12 PädagogInnen des Projekts BildungsBausteine gegen Antisemitismus. Mit dieser methodischen Handreichung auf der Basis von über achtzig Seminaren und Workshops wollen sie eine "Leerstelle in der politischen Bildung" schließen. Das klingt selbstbewusst, aber so neu und anders als das bisherige Angebot an methodisch-didaktischer Literatur zu dieser Thematik ist es nicht. Die Inhalte folgen dem bewährten historisch orientierten Aufbau vom christlichen Antijudaismus im Altertum, Mittelalter und der Moderne. War in der Einleitung noch bemängelt worden, dass "Antisemitismus in Schule und Jugendarbeit fast ausschließlich im Kontext des Nationalsozialismus thematisiert" werde, - eine Behauptung die so pauschal auch nicht stimmt- so werden nach drei Einstimmungsmodulen in 7 der 10 thematischen Kapitel durchgängig von biblischer Zeit bis zum Nahostkonflikt die bekannten judenfeindlichen Stereotypen und Bilder behandelt. Man lernt damit gründlich vor allem zuerst den Blick auf Juden und jüdische Geschichte aus der Perspektive der Antisemiten, ohne etwas über deutsch- jüdische Geschichte, jüdisches Leben und jüdische Bürger in diesem Land zu erfahren. Darin liegt ein Problem. Die vertiefte Kenntnis der normalen, "positiven" Geschichte der Juden und des Judentums wird vorausgesetzt, was für die meisten Lehrer/Pädagogen, die zu diesen Handreichungen greifen, kaum zutreffen dürfte, geschweige denn für die Jugendlichen. Ob mit diesen Lernmodulen Prävention gegen antisemitische Vorurteile erreicht wird, ist daher mehr als fraglich. Eine im November 2007 im Rahmen von "Aktionswochen gegen Antisemitismus" in Berlin vorgestellte, "neue" sozialwissenschaftliche Studie bestätigte einmal wieder, was man auch seit Jahren weiß, dass wohlmeinende Aufklärung über Vorurteile kontraproduktiv sein kann. Vor allem aber haben die heranwachsenden Jugendlichen keinen oder nur selten Kontakt zu jüdischen Jugendlichen, um normales jüdisches Alltagsleben kennen zu lernen. Eine wirkliche Leerstelle in der historisch-politischen Bildung ist weiterhin die Auseinandersetzung mit jüdischer Geschichte und Judentum durchgängig durch die Jahrhunderte als integralem Bestandteil der deutschen und europäischen Geschichte.
Auf dieses bedauerliche Defizit in den Schulgeschichtsbüchern, in denen Juden nur als Objekte von Diskriminierung und Opfer von Verfolgung vorkommen, während ihre aktive Rolle in Kultur und Gesellschaft ausgeblendet bleibt, hat die Kommission für die Verbreitung deutsch-jüdischer Geschichte des Leo Baeck-Instituts schon vor einiger Zeit hingewiesen. Sie hat eine Orientierungshilfe für Lehrplan- und Schulbucharbeit sowie Lehrerfortbildung veröffentlicht, die auf diesem Webportal abzurufen ist unter: http://www.lernen-aus-der-geschichte.de [Link direkt zum PDF-Download]
